Die Dame vom Widhalsee
Am Widhalsee, dort wo der Nebel selbst im Sommer nicht ganz weicht, erzählt man sich eine alte Geschichte.
Am Widhalsee, dort wo der Nebel selbst im Sommer nicht ganz weicht, erzählt man sich eine alte Geschichte.
Über die Frostwanderer gibt es viele Geschichten.
Manche nennen sie verlorene Seelen.
Andere sprechen von Wächtergestalten, die freiwillig im Eis geblieben sind.
Und einige glauben, sie seien Strafe für Verrat.
Die Götter des Nordens sind keine Retter.
Sie greifen nicht ein.
Sie erinnern.
Asches größte Kämpfe finden nicht auf dem Schlachtfeld statt.
In diesem Türchen spreche ich über ihr inneres Hindernis – über Schuld, Nähe, Angst und die leise Hoffnung, die dennoch bleibt.
Ich spreche darüber, warum ich Angst hatte, Asche fallen zu lassen – nicht, weil ihre Geschichte zu dunkel war, sondern weil sie mir zu nah kam.
Die Eiskönigin hat von vornherein eine große Bedeutung für Asche, als Grund, warum sie eigentlich loszieht.
Doch je länger sie unterwegs ist, umso mehr beschäftigt sie sich mit dieser Wesenheit, ihren Tugenden und reflektiert sich selbst daran, wie eine Mentorin, an der sie sich misst.
Hast du jemanden, dem du nacheiferst oder deren Werten du folgst?
In einer Nacht, in der der Wind gegen die Wände schlägt und der Schnee die Welt verschluckt, erzählt man im Norden nur eine Geschichte: die der Eiskönigin.
Eine Gestalt aus Stille und Kälte, älter als jedes Lied, mächtiger als jeder Sturm.
Diese Legende wird nicht gesungen oder geschrieben.
Sie wird geflüstert — von jenen, die den Winter wirklich kennen.
Quoryn war nie der Lauteste.
Nie der Stärkste.
Nie derjenige, der voranging.
Aber er war der, der verstand.
Der sah, was andere übersahen.
Und der in Asches Schmerz etwas erkannte, das seiner eigenen Dunkelheit ähnelte.
Garnak war kein Krieger, der nach Ruhm suchte.
Er war einer, der versuchte, mit seinen Fehlern zu leben.
Ein Mann, der seine Wut fürchtete, weil sie ihm alles genommen hatte.
Und der in Asche sowohl seine größte Angst als auch seine größte Herausforderung fand.
Rune war Wasser im Norden.
Sanft, beharrlich, lebensspendend – und doch stärker, als sie selbst je glaubte.
Für Asche war sie lange ein Spiegel, den sie nicht ertragen konnte.
Zu viel Güte.
Zu viel Licht.
Zu viel Glaube an das, was in ihr verborgen lag.
1/4
Nächste Seite >